Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.
In meinem Atelier habe ich ein kleines Holzschild (von Mama geschenkt bekommen). Auf dem steht: “Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit”. Und das ist für mich so wahr, so wichtig. Lassen wir mal die tatsächliche Kindheit beiseite. Was dieses Schild für mich aussagt, ist: “Du hast es in der Hand. Du kannst dein Leben so bunt und wild und wunderbar gestalten, wie du willst”.
Ja und nein, Ja aber. Die Miete muss gezahlt werden, Strafzettel flattern manchmal in den Briefkasten, die Wohnung putzt sich nicht von selbst und dann ist da noch mein “Brotjob” - meine ganz echte Erwachsenen-Arbeit. Aber. Wie ich die Zwischenräume in diesem Rahmen aus Arbeit-Haushalt-Rechnungen-zahlen gestalte, das liegt bei mir.
Schon bevor Rina und Lino sich irgendwie ihren Weg auf Zeichenpapier gebahnt haben, waren die meisten meiner Zeichnungen bunt, unbeschwert, eigensinnig, etwas kurios. Denn: auch wenn ich älter werde, Rechnungen zahle und arbeiten gehe, muss ich nicht “erwachsen werden”. Zumindest nicht, wenn das heißt, langweilige Kleidung zu tragen, einen Karriere-Plan zu verfolgen und nur “ernsthafte” Hobbies zu haben.
Kindheit hat für mich nicht so viel mit dem Alter zu tun, wie mit der Einstellung, dem Blickwinkel. Kindheit heißt für mich, in Pfützen Tiere zu sehen, Gänseblümchen-Kränze zu flechten, auf Mauern zu balancieren, auf Bäume zu klettern und möglichst hohe Wellen zu schlagen, wenn ich mit Anlauf Popsch voraus in die Donau springe. Oder mit Mama Kettenkarussell fahren. Im Nieselregen. Während “Million Dreams” von Pink im Hintergrund läuft. Oder wenn ich mit Mama im grünen Prater auf der Riesenschaukel schaukel. Nochmal. Und nochmal.
Meine Kindheit zu wahren bzw. mir selbst die schönste Kindheit zu schenken, heißt für mich: die Welt mit Staunen und Begeisterung zu betrachten. Den kleinen Dingen mit Liebe zu begegnen. Bereit zu sein, überrascht zu werden und Freude zu empfinden. Einfach, in das Leben selbst verliebt zu sein. In jedem Moment.
In meiner Kunst geht das alles Hand in Hand. Meine Kreativität ist die maximale Freiheit. Nichts ist zu kurios oder zu unwirklich. Ich kann die Realität links liegen lassen und mich nur auf das einlassen, was mir Freude macht. Ein bisschen Eskapismus, ein bisschen gut gelaunter Boykott. Mir selbst die Freiheit geben, Neues zu entdecken. Ich kann tatsächlich gemäß Pippi Langstrumpf meine Welt widiwidiwitt sie mir gefällt gestalten. Zumindest Illustration für Illustration, mit jeder Geschichte, die in meinen Bildern steckt.
Glückliche Kindheit bedeutet für mich auch der Glaube an mich selbst. Was wollte ich als Kind nicht alles werden … Tierärztin, Raketen-Pilotin, Journalistin wie Karla Kolumna … und es gab absolut nichts in meiner Kindheits-Realität, das jemals in mir Zweifel geweckt hätte, dass ich nicht eines oder auch gleich alles davon werden kann. Ich habe wie die meisten Kinder gesagt: “Wenn ich groß bin, werde ich…". " Kein Vielleicht, kein Zweifel, kein ich-würde-gerne. Stattdessen komplett überzeugt von diesen Tatsachen.
Mein großer Traum seit 2019 (das Jahr, in dem ich anfing Malen & Zeichnen jenseits der Kindheit wieder für mich zu entdecken) war, "irgendwann einmal ein Kinderbuch zu illustrieren”. Mein “ganz, ganz großer Traum” hab ich das genannt, weil das gleich impliziert, dass ich selbst weiß, wie unrealistisch das ist. Weil ich dafür ja nicht gut genug bin (dachte ich). Keine Tatsache, keine Überzeugung, nur ein schüchternes Träumen… “irgendwann mal” … Da war ich nicht mehr Kind genug, um an mich und meinen großen Traum zu glauben.
Das ist auch die Crux: so schön Kindheit für immer klingt, so schwer ist es, diese gegen diese lästige Alltags-Realität zu verteidigen. Manchmal geht's ganz gut, manchmal bin ich nur einen amtlichen Brief davon entfernt, alles, woran ich glaube, in Frage zu stellen.
Aber dann ist da wieder das kleine Holzschild in meinem Atelier. Das erinnert mich daran, dass es sich lohnt, der Alltagsrealität zu trotzen. Weil dadurch meine Kunst entsteht. Und die wiederum meine Welt so macht, wie ich sie gerne hätte: weit und wild und wunderbar.
Nachtrag:
Obiges habe ich vor knapp zwei Jahren geschrieben. Das kleine Holzschild wohnt nicht mehr bei mir. Es ist umgezogen in die Student:innen-WG gegenüber im Haus. Viele Dinge in meinem Leben wollen losgelassen werden und ziehen dann weiter.
Vielleicht habe ich diese physische, visuelle Erinnerung irgendwann nicht mehr gebraucht, weil es für mich ganz selbstverständlich geworden ist, meinem inneren Kind, meiner Kreativität und meinen Träumen Raum zu geben und mir selbst zuzuhören. Ich glaube, ich bin sogar noch besser darin geworden, Kind zu bleiben. Denn ich bin meinem authentischen Selbst viel näher als noch vor knapp zwei Jahren. Und mein authentisches Selbst ist genau das, dieses “Kind bleiben”.
Es ist neugierig, entdeckungsfreudig, es liebt Wortwitz, ist frech auf eine liebenswerte Art, schlagfertig und sich seiner Bedürfnisse (nicht immer, aber immerhin schon oft) bewusst. Und das beste am “Kind sein” vs “Kind bleiben”: Kind geblieben, Mitte 30 kann ich selbst entscheiden, wann ich genug Waffeln gegessen habe, wie viele Gummibärchen gut für mich sind (meist weniger als ich denke) und habe dann auch noch dieses Geld, mit dem ich Sachen machen kann, von denen ich als Kind nur geträumt habe. Zuletzt war das, eine rosa Flamingo-förmige Tasse zu kaufen, einfach weil ich aus einer rosa, flamingo-förmigen Tasse heiße Schokolade trinken wollte. Und das habe ich dann am selben Abend auch gemacht.